Omar Mukhtar: Lion of the Desert

Moustapha Akkad | 1980 | 173 Min. | AR/de
05.03.2026 | Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden | Bar: 20.00 Uhr | Referat und Film: 20:30 | Prix libre

Am Donnerstag, 5. März 2026, zeigt «royalscandalcinema» Moustapha Akkads «Lion of the Desert», ein filmisches Epos über Omar Mukhtars Kampf gegen die italienische Kolonialherrschaft in Libyen. Ein Film, der in Italien umgehend verboten wurde. Ein Paradebeispiel für eine Geschichtspolitik des Verschweigens. Mit Einführung durch Aram Mattioli, emeritierter Geschichtsprofessor und Kenner der italienischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Die Wirkungsgeschichte von  «Omar Mukhtar – Lion of the Desert» schlug so manche Volte. Der Film spürte dem Leben von Omar al-Mukhtar nach. Einem Dorflehrer aus der libyschen Cyrenaika, der in den 1920er Jahren zum Anführer des bewaffneten Widerstands gegen die italienischen Besatzer wurde. Regisseur war Moustapha Akkad, der mit «The Message» bereits ein grosses Filmepos realisiert hatte und ungewollt einen der folgenreichsten Skandalisierungsprozesse der Filmgeschichte auslöste. «The Message» war ein Film über das Leben Muhammads und die frühe Phase des Islams. Obwohl Akkad auf eine Darstellung des Propheten verzichtete, führte das Filmprojekt zu einem Sturm der Entrüstung, zu diplomatischen Störmanövern, Bombendrohungen, Geiselnahmen und Toten. Unterstützt wurde Akkad allerdings von Muammar Gaddafi. Als das Königshaus von Marokko die Erlaubnis zurückzog, in der marokkanischen Wüste zu filmen, lud der junge Revolutionsführer Akkad ein, die Dreharbeiten in Libyen fortzusetzen. Zudem sollte er einen Grossteil der Produktionskosten übernehmen.

Danach setzten die beiden ihre Zusammenarbeit mit «Omar Mukhtar – Lion of the Desert» fort. Akkad erklärte, er wolle sich dem antikolonialen Widerstand widmen, um eine andere Perspektive auf die arabische Geschichte des 20. Jahrhunderts zu zeigen. Während Hollywood Araber entweder orientalisch darstellte oder als Bösewichte inszenierte, wollte Akkad sie in einem anderen Licht zeigen. In diesem Film erscheinen die libyschen Widerstandskämpfer als moralisch überlegene Krieger, die sich gegen die Brutalität der italienischen Kolonialmacht wehren. Die Kriegsverbrechen der italienischen Armee, der skrupellose Einsatz von Giftgas und die Errichtung von Konzentrationslagern in der libyschen Wüste werden schonungslos dargestellt. Die wenig bekannte Geschichte des libyschen Widerstands und das wenig anerkannte Leid der kolonisierten Libyer sollten durch Akkads Film bekannter werden. Gaddafi wiederum sah in dem Film eine Chance, die Geschichte des Nationalhelden Mukhtar für seine Zwecke zu nutzen. So beanspruchte er für sich, den Kampf Mukhtars fortzuführen. Dieser richtete sich jedoch nicht mehr gegen das faschistische Italien unter Mussolini, sondern gegen den Imperialismus des Westens und den globalen Kapitalismus an sich.

Ähnlich wie bei «The Message» wurde mit der grossen Kelle angerichtet. Mit Schauspieler:innen wie Anthony Quinn, Oliver Reed, Irene Papas, Rod Steiger oder Sky du Mont wurde ein international prominenter Cast verpflichtet. Mitten in der Wüste wurde ein Camp mit klimatisierten Unterkünften, einem Restaurant, einer Bibliothek, einem Billardlokal, einem Kino, einer Disco und Swimmingpools aufgebaut. Die libysche Regierung soll den Film mit einem Budget im Wert von 35 Millionen US-Dollar unterstützt haben.

Die italienischen Behörden setzten den Film auf den Index. Eine Aufführung in italienischen Kinos oder eine Ausstrahlung im italienischen Fernsehen blieb über Jahrzehnte hinweg verboten. Als Grund wurde die Herabsetzung der Würde der italienischen Streitkräfte genannt. Der christlich-demokratische Premierminister Giulio Andreotti verurteilte den Film öffentlich. Die kommunistische Partei Democrazia Proletaria hingegen forderte eine Rücknahme des Aufführungsverbots und die Vorführung des Films im italienischen Abgeordnetenhaus. Sie solidarisierte sich mit dem antiimperialistischen Impetus Gaddafis. Kritiker:innen der offiziösen Geschichtsschreibung bemängelten zudem, dass die mangelnde Bereitschaft der italienischen Regierung, sich inhaltlich mit dem Film auseinanderzusetzen, exemplarisch für die bis in die 1980er Jahre hinein wenig praktizierte Aufarbeitung der italienischen Kolonialgeschichte und der Ära des Faschismus sei.

Anlässlich eines Staatsbesuchs des libyschen Diktators Muammar Gadaffi in Italien 2009 wurde «Der Löwe der Wüste» erstmals im italienischen Fernsehen ausgestrahlt. Gaddafi war damals nicht mehr die politische Hassfigur des Westens, sondern ein mittlerweile gern gesehener Gast europäischer Regierungen. Einerseits erhofften sich die Europäer, Gaddafi als Partner zu gewinnen, um Migrationsströme aus Afrika einzudämmen, um die Kenntnisse seiner Geheimdienste zur Bekämpfung islamistischer Gruppen nach 2001 zu nutzen und um mit ihm über Rücknahmeabkommen zu verhandeln. Andererseits verfolgte Libyen zu Beginn der 2000er Jahre eine Privatisierungspolitik und eine forcierte wirtschaftliche Integration in den Weltmarkt. Das machte das Land für Investoren überaus interessant. Gaddafi blieb allerdings immer ein Diktator, der sich durch Exzentrik und Unberechenbarkeit auszeichnete. Als er 2009 von Silvio Berlusconi in Italien empfangen wurde, heftete er sich auf seine kunterbunte, mit einer Vielzahl an Orden geschmückte Uniform ein Foto von Omar Mukhtar auf die rechte Brust. Ein diplomatischer Affront, den Berlusconi zwar wegzulächeln versuchte, der in Italien aber dennoch für Gesprächsstoff sorgte.

Ausschnitte des Films sorgten später noch einmal für Aufsehen, als sie 2016 in ein Propagandavideo der Terrororganisation «Islamischer Staat» montiert wurden. Die inzwischen auch in Libyen aktiven Dschihadisten nutzten Akkads Film, um die Widerstandsbereitschaft der Islamisten gegen «westliche Kreuzzügler» und «ungläubige Kolonialherrscher» zu verkünden. Moustapha Akkad hätte sich gegen diese Vereinnahmung seines Films wohl mit Vehemenz gewehrt. Akkad lebte allerdings nicht mehr. Er starb 2005 bei einem Selbstmordattentat im jordanischen Hyatt-Hotel in Amman. Die Drahtzieher waren Angehörige des «Islamischen Staats im Irak».

Aram Mattioli führt in den Film und die Debatten, die er entfachte, ein. Er ist emeritierter Geschichtsprofessor der Universität Luzern. Er forschte unter anderem zur schweizerischen Intellektuellengeschichte, zum autoritären Denken von Gonzague de Reynold, zur Geschichte des Antisemitismus in der Schweiz, zur Architektur und zum Städtebau im italienischen Faschismus, zur politischen Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis, zum Abessinienkrieg als einem Experimentierfeld der Gewalt sowie zur Geschichte des indigenen Nordamerikas.