Bashtaalak sa’at

Mohammad Shawky Hassan | 2022 | 66 Min. | AR/de
07.05.2026 | Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden | Bar: 20.00 Uhr | Referat und Film: 20:30 | Prix libre

Eine Meditation über Schönheit und Schwierigkeiten offener Beziehungen. Ein Film, der den Protest homophober Populisten auf sich zog. Ein Film aber auch, der uns eine schöne Gelegenheit bietet, um über schwule Lebenswelten im arabischen Raum zu sprechen; und über orientalistische Stereotypen, welche die westliche Debatte um den Film – bewusst oder unbewusst – begleiten. Einführung durch Serena Tolino, Professorin für Islamwissenschaft an der Universität Bern.

«Bashtaalak sa’at» handelt von den vielfältigen Verstrickungen polyamouröser Verhältnisse innerhalb einer Gruppe schwuler Männer im Kairo der Gegenwart.

Direkt in die Kamera erzählen sie von Intimität, Liebe und Leidenschaft; vom Kribbeln des Kennenlernens, von der Aufgeregtheit des ersten Flirts, von der Erregtheit beim ersten Kuss, von der Schönheit des ersten Tanzes und der Intimität des ersten Sex; von Ekstase, Trunkenheit und Trip. Gleichzeitig ist «Bashtaalak sa’at» die Rekonstruktion eines Auseinanderlebens, eine Erkundung der Frage, an welchem Punkt die Paarbeziehung der Protagonisten scheiterte und wie es dazu kam. Gemeinsam sprechen sie über Eifersucht, Enttäuschungen, Missverständnisse, Sprachlosigkeit, Kränkungen und Wut. Mal romantisch, spielerisch, charmant, mal hart und direkt.

«Ich liebe dich. Ich hasse dich. Ich liebe dich. Ich hasse dich.»
«Ich liebe dich auch. Aber du bist zu kaputt.»

Formal ist es eine Collage aus unterschiedlichen Erzählweisen, Einstellungen und Techniken. Animierte Sequenzen durchbrechen den Realfilm. Shahrazad erzählt im Stil von Tausendundeiner Nacht von Abdallah dem Fischer, der einen Wassermann begehrt. Vor dem Hintergrund ungemachter Betten, sprechen die Männer von ihren Beziehungen. Eingebettet in Räume, die intim und zugleich theatralisch inszeniert wirken. Dichtung, Gesang und Tanz komplettieren die Vielfalt an Ausdrucksformen.
«Bashtaalak sa’at» hat den Protest homophober Populisten auf sich gezogen. Der ägyptische Anwalt Ayman Mahfouz – der bereits bei der Skandalisierung der ägyptisch-libanesischen Netflix-Version von «Perfect Strangers» in Erscheinung trat – meinte, der Film werbe für Homosexualität, was er als verwerflich betrachtet. Dem Regisseur sei deshalb die ägyptische Staatsbürgerschaft zu entziehen. In einer Beschwerde an den Ministerrat, forderte er, dass der Staat gegen jede Form von Kunst vorgehe, welche die «moralischen und religiösen Werte» zersetze und die Beziehung zwischen Mann und Frau durch «sündhafte Beziehungen» zwischen Männern ersetze. Imad Hassan, Lyriker und Autor des Lieds «Bashtaklak sa’at», welches den leicht variierten Filmtitel inspirierte, drohte damit, die Produzenten des Films zu verklagen.

Dass Figuren wie Ayman Mahfouz die Skandalisierung des Films nutzten, um ihre politische Klientel zu befriedigen, war zu erwarten. Inwiefern deren Position Repräsentativität für die ägyptische Gesellschaft als Ganzes beanspruchen darf, bleibt allerdings zu hinterfragen. Mohammed Shawky Hassan meinte in einem Interview zu seinem Film, es sei ihm wichtig die Rede von der Unterdrückung Homosexueller in Ägypten zu überdenken. Er spricht sich gegen eine vermeintliche Dualität von «frei» und «unterdrückt» aus. Dadurch würden die subtilen Widerstandsstrategien und subversiven Gesten, welche viele queere Araber:innen tagtäglich anwenden, aberkannt. Dabei liege gerade darin die grosse Kraft, heteronormative und patriarchale Systeme zu destabilisieren. Er wehre sich dagegen, dass schwule Araber im Film wiederholt als Männer dargestellt werden, die ständig von unterdrückter Sexualität geplagt seien. Die Männer in seinem Film seien keine «Opfer».

Gemeinsam mit Serena Tolino sprechen wir über schwule Lebenswelten im arabischen Raum und über orientalistische Stereotypen, welche die westliche Debatte um diese Lebenswelten – bewusst oder unbewusst – begleiten. Serena Tolino ist Professorin für Islamwissenschaft an der Universität Bern. In ihrer Forschung hat sie sich intensiv mit Gender und Sexualität in muslimischen Gesellschaften auseinandergesetzt. In ihrem Buch «Atti omosessuali e omosessualità fra diritto islamico e diritto positivo» befasst sie sich spezifisch mit Homosexualität in Ägypten.