Suzanne Simonin, la Religieuse de Diderot

Jacques Rivette | 1966 | 135 Min. | FR/de
05.11.2026 | Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden | Bar: 20.00 Uhr | Referat und Film: 20:30 | Prix libre

Im Zeitalter der Aufklärung schrieb Denis Diderot seinen Roman «Die Nonne». Es war eine Abrechnung mit religiösem Fanatismus und kirchlichem Machtmissbrauch, die im 18. Jahrhundert rasch die Aufmerksamkeit der Zensurbehörden auf sich zog. Das erstaunt wenig. Dass die Verfilmung des Stoffs im laizistischen Frankreich von 1966 abermals den Widerstand von Kirche und Staat hervorrief, überrascht schon eher. Gemeinsam mit dem Diderot-Experten Peter Schnyder geht «royalscandalcinema» dem Zusammenhang von Buch, Film, Religion und Politik nach. Eine Veranstaltung in Kooperation mit der schweizweiten «Woche der Religionen».

Denis Diderot (1713–1784) war den Zensurbehörden zeitlebens ein Ärgernis. Zugleich sorgten die Zensoren – wenn auch ungewollt – für seinen Ruhm. Indem sie seine Werke verfolgten und verboten, weckten sie die Neugier des Publikums erst recht. Diderot gehörte zu jenem Zweig der Aufklärung, der scharfe Kritik an den religiösen Institutionen übte. Mit seinem Roman «La Religieuse» prangerte er Machtmissbrauch, Scheinheiligkeit und religiösen Fanatismus an. Im Zentrum der Geschichte steht die Novizin Suzanne Simonin, die von ihrem Leben berichtet.

Von den Eltern wird sie gegen ihren Willen dazu genötigt, ein Leben als Ordensschwester zu führen. Mit dem Klosterleben kann sie sich allerdings nicht anfreunden. Als sie sich weigert, das ewige Gelübde abzulegen, zieht sie den Zorn der Äbtissin auf sich. Sie wird Opfer von Repression und Gewalt. Nach einem Gerichtsprozess wird sie in ein zweites Kloster verlegt. Dort ist sie den amourösen Avancen der Äbtissin ausgesetzt.

Die Thematisierung von Zwang und Repression, Lust und Gewalt sowie Frömmigkeit und Scheinheiligkeit im Kontext eines Klosters erregte rasch die Aufmerksamkeit von Kirche und Staat. Die Zensurbehörden liessen den Druck verbieten. Der Roman erschien erst nach Diderots Tod. 1796 in Paris und bereits im Folgejahr – in unterschiedlichen Ausgaben – in deutscher Übersetzung. Inzwischen hatte die Französische Revolution das Ancien Régime und die Ideologie des Gottesgnadentums hinweggefegt. Die neuen Machthaber feierten Diderots Religionskritik. Die Vertreter der antimodernen Richtung werteten das Buch umso mehr als Skandalroman. «La Religieuse» wurde zu einem der bekanntesten Erzählwerke der französischen Aufklärung.

Als Jacques Rivette den Stoff 1966 in die Kinos brachte, war Diderot bereits seit 182 Jahren tot. Frankreich hatte sich zu einem laizistischen Staat entwickelt. Dennoch sorgte der Film für öffentliche Kontroversen. Klostergemeinschaften und Laienverbände versuchten, die Veröffentlichung zu verhindern. Sie warnten vor dem «blasphemischen Film», der die Ordensschwestern diffamiere und entehre. Notabene, ohne den Film selbst gesehen zu haben. Im Rahmen einer konzertierten Aktion wurden Hunderte von Protestbriefen an das Informationsministerium und an Yvonne de Gaulle, die Frau des Präsidenten Charles de Gaulle, geschickt. In der französischen Nationalversammlung kam es zu heftigen Debatten.

Im März 1966 erhielt «Suzanne Simonin, La Religieuse de Diderot» zunächst die Freigabe für französische Kinos, allerdings mit einer Altersbeschränkung für Minderjährige. Damit war Yvon Bourges, Staatssekretär für Information, allerdings nicht einverstanden. Er setzte sich über den Beschluss der Kontrollkommission hinweg und liess die Vorführung des Films verbieten. Als Begründung verwies er auf die Gefahr einer Störung der öffentlichen Ordnung. Damit löste Bourges eine zweite Welle der Skandalisierung aus. Medien- und Kulturschaffende, Intellektuelle und Oppositionelle protestierten gegen das Verbot. Unter öffentlichem Druck wurde der Film schliesslich für eine Vorführung am Filmfestival von Cannes 1966 zugelassen. Dort wurde er mit grossem Applaus aufgenommen. Als im Folgejahr mit Georges Gorse ein neuer Kulturminister eingesetzt wurde, kam der Film – nach wie vor gegen den Widerstand des Informationsministeriums und mit einer Altersbeschränkung ab 18 Jahren – in die Kinos.

Die Skandalisierung von Rivettes «La Religieuse» ist in mehrfacher Hinsicht spannend. Sie wirft Fragen zum Verhältnis von Religion und Politik im laizistischen Frankreich auf. Sie thematisiert das Erbe der französischen Aufklärung, insbesondere die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst – und das ironischerweise im Zusammenhang mit einem Werk der Aufklärung. Sie weist auf unterschiedliche Lager und auf Machtkämpfe innerhalb des Staatsapparats hin, was im Zusammenhang mit der Skandalisierung von Filmen ein seltener und bemerkenswerter Vorgang ist. Zudem offenbart sie einen typischen Mechanismus. Wie bereits im 18. Jahrhundert erreichte auch der staatliche Zensurversuch im 20. Jahrhundert einen ungewünschten Effekt: Er weckte das Interesse des Publikums erst recht. Während der Film verboten blieb, erlebte das Buch einen regelrechten Ansturm. Zeitungen berichteten, dass die Pariser Buchhändler täglich 300 Exemplare des Romans verkauften. In Deutschland wurde es von vier unterschiedlichen Verlagen neu aufgelegt.

Die Veranstaltung ist Teil der schweizweiten «Woche der Religionen». Diese findet jeweils in der ersten Novemberwoche statt und wird vom interreligiösen Netzwerk IRAS COTIS koordiniert. Seit 2021 setzt «royalscandalcinema» im November jeweils einen Film mit Religionsbezug aufs Programm. Bisher wurden im Rahmen dieser Kooperation Moustapha Akkads «The Message», Wanuri Kahius «Rafiki», Wissam Smayras «Perfect Strangers», Pietro Germis «Divorzio all’italiana» und Luis Buñuels «Viridiana» gezeigt. 2027 wird Peter Mullans «The Magdalene Sisters» folgen.