Marc Allégret | 1955 | 98 Min. | FR/de
14.01.2027 | Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden | Bar: 20.00 Uhr | Referat und Film: 20:30 | Prix libre
Im Fall von «L’amant de Lady Chatterley» sind Literatur- und Filmgeschichte miteinander verwoben. Kontroversen und Gerichtsverfahren um den Roman liefen noch, als der Film ins Kino kam. Obszönität wurde beiden vorgeworfen. Gemeinsam mit Barbara Straumann geht «royalscandalcinema» der Verzahnung von Skandalbuch und Skandalfilm nach.

H. Lawrence schrieb mit «Lady Chatterley» ein Werk, welches Literaturkritik und Rechtsprechung über mehrere Jahrzehnte beschäftigen sollte. Dabei handelt es sich eigentlich um drei unterschiedliche Romane, um drei Variationen desselben Stoffes, die retrospektiv als «The First Lady Chatterley» (1926), «John Thomas and Lady Jane» (1927) und «Lady Chatterley’s Lover» (1928) bezeichnet wurden. Von «Lady Chatterley’s Lover» wiederum fertigte er zwei Versionen an: Das unzensierte Original und eine entschärfte Version, welche er britischen und amerikanischen Verlagshäusern vorlegte. Die Verlage in Grossbritannien und den Vereinigten Staaten lehnten allesamt ab. Der Ehebruch- und Liebesroman schien ihnen – auch ohne explizite Sexszenen – zu heiss. So liess D. H. Lawrence schliesslich unzensierte Ausgaben in Italien und Frankreich drucken. Diese Ausgabe wurde in mehreren Ländern aufgrund von «Obszönität» verboten
Die Geschichte handelt von Lady Chatterley, einer jungen verheirateten Frau, deren Ehemann aufgrund einer Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg von der Hüfte abwärts gelähmt ist. Ihre Leidenschaft stillt sie mit dem Wildhüter Oliver Mellors, mit dem sie eine Affäre beginnt. Der Klassenunterschied zwischen den beiden und das elitäre Weltbild von Lord Chatterley sind wesentliche Motive des Romans. Zentral ist zudem der Fokus auf Sexualität und Körperlichkeit, die Lady Chatterley als wesentliche Bestandteile echter Liebe erachtet. Das reichte in den 1920er Jahren bereits aus, um Anstoss zu erregen. Die detaillierten Beschreibungen von Sexualität sorgten für zusätzliche Furore.
In den Vereinigten Staaten erschienen erste Raubdrucke des Romans bereits im Jahre 1928. Einige Exemplare, die von Italien in die USA geschickt wurden, wurden vom amerikanischen Zoll abgefangen und vernichtet. Ab 1932 erschien dann eine von Lawrence bereinigte (also selbstzensierte) Fassung. Die unzensierte Fassung wurde in den USA erstmals 1959 veröffentlicht. Behörden und Gerichte schienen die Kunstfreiheit zu respektieren. Die Postbehörde sah das anders. Sie liess Exemplare, die per Post versandt wurden, beschlagnahmen. Der Verlag Grove Press zog daraufhin gegen die Behörde vor Gericht – und gewann den Prozess. Danach konnte das Buch produziert und verkauft werden.
In Grossbritannien erschien «Lady Chatterley’s Lover» erstmals Mitte der 1930er Jahre – in kleiner Auflage und kaum beachtet. Parallel dazu veröffentlichten die Verleger auch Lawrences Essay «A Propos of Lady Chatterley’s Lover», in dem der Autor klarstellte, dass er den Roman nicht als Pornografie, sondern als Plädoyer für eine Balance zwischen Geist und Körper – im Gegensatz zu Leibfeindlichkeit und Intellektualismus modernistischer Autor:innen – geschrieben habe. Zur umfassenden Skandalisierung des Buchs kam es 1960, als Penguin Books «Lady Chatterley’s Lover» in grosser Auflage als Taschenbuch herausgeben wollte. Damit beabsichtigte Penguin Books, einen Gerichtsprozess um den «Obscene Publications Act» herauszufordern; ein Gesetz, das ein Jahr zuvor in Kraft getreten war, um gegen «obszöne Literatur» vorzugehen: Penguin Books liess das Exemplare des Buchs an einer Bahnhofsbuchhandlung ausliefern und erstatte Selbstanzeige. Ein Geschworenengericht wertete die künstlerische Freiheit höher als die (vermeintliche) Obszönität des Buchs. Penguin Books gewann damit ein Prozess, der für spätere Publikationen und die Literatur der sexuellen Befreiung zentral werden sollte.
Gleichzeitig wurde der Prozess zu einem internationalen Fanal im Kampf für eine Liberalisierung des Zensurrechts. In Deutschland veröffentlichte der Rowohlt Verlag Lady Chatterley unzensiert als Taschenbuch. Der römisch-katholische Volkswartbund erstattete 1961 Strafanzeige gegen den Verlag wegen der Verbreitung unzüchtiger Schriften. Die Hamburger Staatsanwaltschaft wies die Anzeige jedoch ab.
Die Erstverfilmung des Stoffs durch Marc Allégret im Jahr 1955 fand vor den Gerichtsverfahren statt. Produziert wurde L’Amant de Lady Chatterley in Frankreich, wo Lawrences Buch allgemein zugänglich war. Allégret erlaubte sich eine freie Adaption des Stoffs: Er verzichtete auf allzu erotische Darstellungen und schloss mit einem optimistischeren Ende als die Buchvorlage. Im internationalen Vertrieb war der Film dennoch mit Hindernissen konfrontiert. So wurde er etwa in New York wegen der «Förderung von Ehebruch» verboten. Dieses Verbot wurde erst 1959 – im selben Jahr wie die Verfahren gegen die Beschlagnahmung des Buchs durch die US-amerikanische Post – durch einen Beschluss des Supreme Courts aufgehoben. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten entschied, dass das Vorführungsverbot einen Verstoss gegen die Meinungsäusserungsfreiheit darstelle; ein Entscheid, der für spätere Skandalisierungsprozesse um Film und Kino von Bedeutung war.
Mindestens fünfzehn weitere Verfilmungen folgten; darunter eine BBC-Miniserie verfilmt durch Ken Russell (1993), die Netflixproduktion von Laure de Clermont-Tonnerre (2022) und mehrere Softerotikstreifen.
